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Kopie nach einem chinesischen Meister

Kopieren als Erkenntnisprozess

Das Kopieren halte ich für einen essenziellen Teil der Ausbildung. Es hilft dabei, die Kniffe anderer Autoren zu verstehen. Manchmal stellen sie sich als gar nicht so kompliziert heraus, wurden aber mit enormem Geschmack angewandt. Genau diesen Geschmack gilt es zu lernen. Aquarell ist in erster Linie Technik. Man kann tausendmal im Herzen ein Künstler sein, aber ohne die Beherrschung der Technik bleibt man stumm. Die Technik sind die Vokabeln, der Geschmack ist die Sprache. Wenn Geschmack, Sprache, Motiv und künstlerische Absicht in einem Punkt zusammenlaufen – das ist wahre Kreativität.

Ich liebe es, Japaner und Chinesen zu kopieren. Sie sind phänomenal. Gerade wenn man denkt, es ginge nicht besser, zeigt sich: Es geht doch. Heutzutage beeindruckt man niemanden mehr mit Aquarellporträts von Natalja Gontscharowa, Studien von Iwanow oder Skizzen von Wrubel. Wir sind es gewohnt, ehrfürchtig „Oh, Wrubel!“ zu rufen, und implizieren damit eine Art geheimes Wissen – als ob das Verständnis seines Werks oder auch nur die Bewunderung dafür uns dem Göttlichen näherbrächte. Menschen, die der Kunst fernstehen, nicken dann respektvoll, aus Angst, als Einfaltspinsel dazustehen. Ich aber möchte immer fragen: Welcher Quelle des Lichts und der Erleuchtung kommen wir denn da bitteschön näher?

Das ist alles nur Sitzfleisch + Handschrift, meine Herrschaften!

Man sollte nicht versuchen, die Handschrift zu kopieren, das ergibt nur eine seelenlose Fälschung. Es hat keinen Sinn, den Neigungswinkel des Pinsels oder dessen Material zu berechnen, um Spritzer 1:1 zu reproduzieren. Wichtig ist, dass sie nass und frisch wirken – ihre Anzahl und genaue Platzierung sind zweitrangig.

Wrubel zu kopieren ist schwerer als Chinesen. Man spürt, wie der Mann sich gequält hat. Vielleicht ist das auch nur meine subjektive Meinung. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich Wrubel im Studium kopiert habe, als ich noch nichts konnte, während ich die Chinesen jetzt kopiere, wo ich selbst unterrichte. Und was macht mich zum Profi? Was erlaubt mir, neue Horizonte zu stürmen und mich weiterzuentwickeln, statt auf der Stelle zu treten und immer dieselben Fehler durchzukauen? Ein einziges biblisches Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Man sollte keine Idole anbeten. Auch Wrubel nicht. Ich bin sicher, dass es in seinem Jahrgang und zu seiner Zeit andere, nicht minder talentierte Leute gab, die weniger Glück mit dem Ruhm hatten. Er hatte das Glück, eine Marke zu werden, sie nicht. Dabei geht es nicht um Talent, sondern um Glück, Marketing, die Konstellation der Sterne und einen Haufen anderer Faktoren – vor allem das Fehlen des Internets. Das Internet ist in diesem Fall ein Segen. Dieses Meer an visueller Information! Wo hätte ein Wrubel sich diese Menge an chinesischen Werken ansehen können? Wäre er nicht unter dem Glücksstern der Berühmtheit geboren worden, hätte sich die heimische Kunst vielleicht in eine ganz andere Richtung entwickelt ... Schließlich zieht jede berühmte Persönlichkeit Nachahmer nach sich. Später brechen deren Nachfahren die Stereotypen auf, und das geht endlos so weiter.

Und wie schafft man es, sich kein Idol zu machen? Ganz einfach. Man schaut sich Wrubel an und denkt: „Na und? Ist halt Wrubel. Jetzt setze ich mich hin und kopiere ihn.“ Und dann kopiert man. Hat nicht geklappt? Das liegt daran, dass Sie nicht Wrubel sind, aber das ist keine Sünde. Wichtig ist nicht das Ergebnis, sondern das, was Sie aus dem Prozess mitgenommen haben. Vielleicht verstehen Sie erst jetzt, womit man eigentlich hätte anfangen sollen. Vielleicht haben Sie Phasen vertauscht. Jetzt sehen Sie das und blicken mit anderen Augen auf alle anderen Aquarellisten. Manch einer erscheint Ihnen plötzlich gar nicht mehr so unerreichbar. Hier und da begreifen Sie, dass es nicht nur am Können liegt (obwohl natürlich auch daran), sondern am Material: Papier und Farben spielen eine Rolle. Wenn Sie sich fragen, wie man diese misslungenen Verläufe wiederholt – fragen Sie einfach die Facebook-Community, und Sie werden eine Antwort erhalten.

Solch ein Ansatz zur Selbstdarstellung ist wesentlich produktiver als das andächtige Seufzen vor dem Namen eines Idols.

 

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